Impulspapier »Gewerbe in Birkenau«

Die Gewerbezukunft in Birkenau wirkt sich auf jeden Bürger aus. Wir müssen kreativer, digitaler und aktiver werden, fordert Journalist und Agenturchef Boris Glatthaar.

Birkenau spricht digital: Zum Auftakt der Webdialog-Reihe der SPD Birkenau ging es am vergangenen Dienstag (16.06.20) um das Gewerbe in unserer Gemeinde – also um Handel, Handwerk, Produktion, Dienstleister und Freiberufler. Das alles hat nicht nur mit Nahversorgung und Arbeitsplätzen zu tun, sondern auch mit Lebensqualität und Gewerbesteuer zugunsten der Allgemeinheit. Doch: Wie entwickelt sich das Gewerbe in Birkenau weiter? Welche Zukunftsideen gibt es? Welchen Herausforderungen müssen wir uns in den kommenden Jahren gemeinsam stellen? Welche Möglichkeiten haben wir, Birkenau wirtschaftlich zu gestalten? Und welche Wünsche haben Mitbürgerinnen und Mitbürger an die Lokalpolitik?

Impulspapier »Gewerbe in Birkenau« soll Ideenfindung anstoßen

Als Teilnehmer des Online-Gespräches, Mitglied des Vorstands im Gewerbeverein Birkenau und Ortsbeiratsmitglied Buchklingen auf SPD-Ticket habe ich im Webdialog am Dienstag ein Impulspapier (unter diesem Beitrag angefügt) vorgestellt. Für die ausführliche Berichterstattung in der WNOZ meinen herzlichen Dank! Nach wie vor ist mir wichtig zu erwähnen, dass es sich dabei zunächst um Ideen handelt, die zum gemeinsamen »Anpacken« in Birkenau inspirieren und Teil der Grundlage einer möglichst breiten Diskussion in Birkenau sein sollen.

Das, was ich notiert und vorgestellt habe, speist sich

  • aus meinen Recherchen, über die ich als Autor zu Wirtschafts- und Marketingthemen publiziert habe,
  • aus meinen Erfahrungen mit Wirtschaftsunternehmen und -verbänden auf örtlicher Ebene in mehreren Gebieten, die ich als ehemaliger Lokaljournalist über viele Jahre sammeln konnte,
  • aus meiner Aktivität auf dem Gebiet von Digitalisierungsstrategien (u.a. Web 4.0, AI, Smart Citys etc.) und dem Austausch auf entsprechenden Fachkonferenzen,
  • aus der Praxis von Beratung und Umsetzung von Marketingmaßnahmen für Kleine und Mittelständische Unternehmen (KMU) sowie
  • aus Beobachtungen, die ich als Mitglied des Gewerbevereins Birkenau und aus Gesprächen mit Unternehmerinnen und Unternehmern, Kundinnen und Kunden und Mitbürgerinnen und Mitbürgern vor Ort in den vergangenen Jahren machen konnte.

Ergänzungen, Streichungen und neue Ideen erwünscht

Damit wird nicht nur die Richtung meiner fachlichen Sicht auf das Thema »Gewerbe in Birkenau« klar, sondern auch, dass ich den Blick aus vielen anderen Richtungen gerade nicht habe, es hier also durchaus zahlreiche Ergänzungsmöglichkeiten gibt. Beispielsweise habe ich schon während der Vorstellung meiner Zukunftsideen beim SPD-Webdialog klargestellt, dass die Digitalisierung nicht die einzige Lösung und vor allem nicht die Lösung für alle Probleme, sondern allenfalls Teilaspekt einer aktiven Zukunftsgestaltung sein kann. Ebenso habe ich aber auch deutlich gemacht, dass Birkenau m. E. durch die gestalterische Nutzung der Möglichkeiten von Digitalisierung extrem gute Chancen auf eine prosperierende Gewerbezukunft hat, dass andererseits ohne stärkere Digitalisierung eine positive Zukunftsaussicht aber auf keinen Fall besteht. Im Klartext: Wenn wir den technischen und gesellschaftlichen Wandel nicht für uns nutzen, werden wir die Verlierer sein. So hart es klingt, aber davon bin ich fest überzeugt. Ebenso wie vom Mantra meiner Agentur, wonach gestaltende Digitalisierung einen Zugewinn an Chancen bedeutet, nicht einen Verzicht auf Bewährtes.

Das Fest der Bürgerstiftung im Schlosspark zeigte vergangenes Jahr deutlich: Initiativen können etwas bewegen. Einer perspektivischen Öffnung des Schlossparks selbst käme auch für die Zukunftsgestaltung Birkenaus eine wichtige Rolle zu, so das Impulspapier und die Ausführungen dazu. Demnach könnte ein zugänglicher Park sehr positiv auf Lebenswert der Gemeinde, Ortsbildgestaltung, Belebung des Ortskerns und Identifikation der Bevölkerung einzahlen. Das Ideenwerk geht davon aus, dass nur breites Engagement das Gewerbe in Birkenau langfristig retten und damit die Gemeinde insgesamt auf nötigem Niveau handlungsfähig und lebenswert halten kann. Als notwendige Akteure werden im Impulspapier drei Gruppen ausgemacht: erstens Gewerbetreibende und Unternehmer, zweitens Politik und Verwaltung und drittens privat engagierte Menschen bzw. Initiativen. (Foto: Boris Glatthaar)

Unternehmer, Gemeinde und Bürger: Nur gemeinsam in eine positive Zukunft

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass Gewerbeentwicklung nicht allein durch Gewerbetreibende selbst erfolgen kann. Dafür sind die Herausforderungen zu groß und die Lösungserfordernisse zu übergreifend. Aus lokalwirtschaftlicher Sicht gestaltbar ist Birkenau nur in einem starken, dauerhaften und aktiven Verbund mindestens von erstens Gewerbetreibenden, zweitens Kommunalpolitik und -verwaltung sowie drittens Ehrenamtlern und Initiativen aus der Bevölkerung. Es muss ein Handlungspaket geschaffen werden unter anderem aus progressiver Digitalisierung, einfallsreichen Gewerbekonzepten, kreativer Attraktivitätssteigerung des Ortes, befruchtendem Networking, klarer und gestaltender Bau- und Ordnungspolitik sowie eindeutiger politischer Willensfassung mit dem Fokus auf positiver Ermöglichung. Im Idealfall tritt außerdem die Zusammenarbeit mit überörtlichen Verbänden, Netzwerken und Fachleuten hinzu.

Ladenschließungen sorgen nicht nur für Arbeitsplatz- und Gewerbesteuerverlust und damit für einen Rückgang kommunalen Handlungsspielraumes, sondern oft auch für Verödung und Vernachlässigung öffentlicher Straßen und Plätze – also unseres Lebensumfeldes. Hier können kreative Geschäftsideen mit digitalem Push und interimsweise auch Zwischennutzungskonzepte einen Ausweg bieten; allerdings nur, wenn dafür Gewerbetreibende, Gemeinde, Vermieter und Bevölkerung an einem Strang ziehen. Zwischennutzungen bieten außerdem attraktive Betätigungs- und Präsentationsfelder für Vereine sowie in der Kinder-, Jugend- oder Seniorenarbeit, etwa als Ausstellungsfläche für Malkurse, Pop-up-Locations für regionale Poetry Slams oder Werkstätte für kleine Schulprojekte, was insgesamt wieder für Belebung des Nahbereiches sorgt. (Symbolfoto, bewusst nicht aus Birkenau: shutterstock.com/Axel Bueckert)

Sterbendes Gewerbe hat katastrophale Auswirkungen auf jeden Menschen in Birkenau

Warum sich nicht nur Gewerbetreibende selbst viel stärker als bislang um die eigene Zukunft und die ihrer Betriebe in den kommenden Jahrzehnten kümmern sollten, sondern auch Gemeinde/Kreis und private bzw. ehrenamtliche Akteure, versuche ich, in der Folie “Wert” dazustellen. Denn der weitere Wegfall von Gewerbe wird sich nicht nur auf Gewerbesteuererträge und Arbeitsplätze am Ort auswirken. Vielmehr haben beispielsweise Leerstand, weniger belebte Straßen und wegbrechende unternehmerische Sportförderung auch unmittelbar Negativeffekte auf die Lebensqualität vor Ort, was sich häufig als Spirale nach unten fortsetzt. Für den Wert, den Gewerbe in Birkenau für jede einzelne Mitbürgerin und jeden einzelnen Mitbürger hat, gibt die Folie einige Beispiele, die einem womöglich erst auf den zweiten Blick in den Sinn kommen. Wie bei allen anderen Auflistungen in meinen Zukunftsideen geht es auch hier nicht um Vollständigkeit, sondern um Impulse, die zur Erweiterung, Streichung und Diskussion, vor allem aber zum Handeln anregen sollen.

Unter dem Aspekt der Schwierigkeiten, von denen Gewerbe derzeit allgemein und speziell in Birkenau betroffen ist, liste ich ebenfalls nur einige Beispiele auf. Hier werde ich insbesondere bei Handwerk und Industrie nicht vollständig sein, weil meine Einblicke in diese Gewerbesektoren speziell in Birkenau für valide Aussagen nicht ausreichen.

Augmented Reality und andere digitale Technologien bieten schon heute zahlreiche Möglichkeiten, auch den stationären Einkauf zu einer echten »Customer Journey« zu machen. Dieses Beispiel zeigt symbolisch, wie Einzelhändler ihre Kunden etwa per Smartphone während des Einkaufes direkt auf Angebote hinweisen oder ihnen anderweitig Orientierung bieten können. (Symbolfoto: shutterstock.com/Montri Nipitvittaya)

Lösungsideen: Kreativ entwickeln und schauen, was anderswo funktioniert

Bei den Lösungsmöglichkeiten hingegen habe ich einige meiner ziemlich konkreten Ideen für Birkenau aufgelistet. Diese sind nicht aus der Luft gegriffen oder von lediglich schön erscheinendem, theoretischem Charakter, sondern beziehen sich vielfach auf von mir selbst recherchierte oder erlebte Strategien, Konzepte und Maßnahmen aus beruflichem Netzwerk, die andernorts bereits erprobt sind und funktionieren. Klar, das meiste davon lässt sich nicht als garantierter Erfolgsbringer für Birkenau eins zu eins kopieren, dafür sind die Herausforderungen und Gegebenheiten in jeder Gemeinde zu verschieden. Stattdessen gilt auch hier: Meine Auflistungen sind Impulse, die Wege aufzeigen und ermutigen, vor allem aber deutlich machen sollen: Wir in Birkenau müssen das Rad nicht völlig neu erfinden und stehen mit unseren Schwierigkeiten nicht allein da. Sondern wir können von einem Füllhorn regionaler, nationaler und auch internationaler Erfahrungen profitieren, um unseren eigenen Gestaltungsweg einzuschlagen. Womöglich sogar in Kooperation oder mit der Hilfe anderer Stellen, Initiativen, Projekte und Menschen.

Digitales Arbeiten in der Natur ist dank LTE in Birkenau möglich – hier auf dem Buchklinger Hügel zu sehen als »digitaler Nomade vor der Haustürt« ist Boris Glatthaar, Verfasser des Impulspapieres. Digitale Infrastruktur und Gestaltungspolitik können dazu führen, dass auch Städter in Birkenau ihre Zelte aufschlagen – und zwar langfristig als Gewerbetreibende mit einem Betrieb vor Ort.

Positive Zukunft nur mit digitaler Kraft möglich

Nur ein Beispiel für ein digitales Gestaltungskonzept gerade für ländliche Gemeinden, das bereits erfolgreich ist, ist das in Rheinland-Pfalz ausgerollte Projekt Digitale Dörfer des Fraunhofer IESE, einer der weltweit führenden Institutionen für Software- und Systementwicklungsmethoden. Unterstützt und gefördert wird »Digitale Dörfer« vom Verein Entwicklungsagentur Rheinland-Pfalz e.V. sowie vom Landesinnenministerium RLP. Digitale Dörfer hält einen Baukasten an Tools bereit, mit denen Gemeinden nach und nach digitale Zusatzangebote für die Bevölkerung schaffen können, beispielsweise eine Plattform für den Austausch zwischen Bürger und Rathaus oder einen zentralen Online-Bestell- bzw. Lieferservice örtlicher Anbieter.

Wohnen und arbeiten in der Natur wird für zahlreiche junge und gestaltungswillige Städter mit steigender Digitalisierung immer besser möglich und ist für viele inzwischen sehr attraktiv. Mit hoher Lebensqualität, geringeren Wohnkosten und großem Freiraum punkten Landgemeinden bei bislang urbanen Unternehmern, Entrepreneuren und Start-ups, aber auch engagierten Singles, jungen Familien und erfahrenen Best Agern. Darin liegt nach Ergebnissen u.a. einer deutschen Studie von 2019 enormes Zukunftspotenzial für Kommunen in ländlichen Gebieten, die dafür allerdings wichtige Rahmenbedingungen schaffen müssen. Wenn sie das tun, können neue Wohn- und Arbeitsformen nicht nur Zuzüge und neue Wirtschaftskraft bedeuten, sondern auch eine Aufwertung von Baubestand und Ortsbild und damit insgesamt eine höhere Lebensqualität für alle Bürger. (Foto: shutterstock.com/LStockStudio)

Nicht im Impulspapier enthalten, aber durchaus spannend im Verlauf einer hoffentlich bevorstehenden und nun von der SPD angestoßenen Beschäftigung mit dem Thema »Gewerbezukunft« innerhalb der Gemeinde, sind einige andere ebenfalls interessante Projekte. So konnte ich beispielsweise bereits im vergangenen Jahr bei einer der großen Digitalkonferenzen, der re:publica in Berlin, mit der Geschäftsführerin von »neuland21« sprechen. Der »unabhängige und gemeinnützige Think & Do Tank für das Landleben im 21. Jahrhundert« erforscht ebenfalls Konzepte, mit denen sich Landgemeinden mithilfe digitaler Infrastruktur und gestalterischer Orts- und Flächenentwicklung eine gute Zukunft aufbauen können. Das Besondere: Die Attraktivierung der Gemeinden für Unternehmer, Solo- und Kleinselbstständige kann erfreulicherweise ganz nebenbei auch mit dem Zuzug junger, dynamischer, tatkräftiger Menschen aus den Städten und zugleich mit einer Aufwertung von Immobilienbestand, Brachen und Flächen einhergehen. Ein Projekt mit 2019er-Studie (Download als PDF hier) von »neuland21« und dem »Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung« zu »Urbanen Dörfern« – gefördert u.a. durch das Bundeswirtschaftsministerium – zeigt anschaulich Gründe und Beispiele für solche Chancen und gibt Tipps, wie lokale Akteure selbst ihren Weg zum »Urbanen Dorf« antreten können.

Und auch ich bin – ausweislich der Darstellung meiner Agentur – davon überzeugt, dass die Zunkunft der Landgemeinden zu einem großen Stück digital ist. Nicht ausschließlich, aber stark.

Impulspapier »Gewerbe in Birkenau« vom 16. Juni 2020

Bild mit freundlicher Genehmigung von Boris A. Glatthaar
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