Storytelling-Geheimnis (2): Die Dramaturgie

Dramaturgie ist neben Stil und Inhalt eine der drei Grundsäulen des Storytellings. Nur wer die Dramaturgie beherrscht, kann Spannung aufbauen. Was Aktdramaturgie und Heldenreise ausmachen, das erfahren Sie in Teil 2 der Serie zu Storytelling im Content Marketing.
Die Heldenreise ist ein dramaturgisches Schema.
Die Heldenreise ist ein dramaturgisches Schema.

Die Dramaturgie im Storytelling ist unglaublich wichtig, sie ist das Grundgerüst jeder Story. Sie bildet das technische Konstrukt, an dem entlang sich die Handlung entwickelt. Es gilt: Weniger Kreativität ist mehr! Halten Sie sich beim Erzählkonstrukt an die Regeln der Aktdramaturgie und Heldenreise im Storytelling, das macht dem Erfolg Ihrer Geschichte wahrscheinlicher. Sparen Sie sich Ihre Ideen lieber für Inhalt und Stil.

Die meisten von uns bedienen sich beim Erzählen von Geschichten, dem Storytelling, automatisch einer bestimmten Systematik, indem sie die Entwicklung eines Geschehens von Anfang zum Ende hin erzählen, von vorn nach hinten, also schlichtweg chronologisch. Dieses Konstrukt hilft dem Zuhörer, der Story folgen zu können, und es unterteilt die Geschichte in zeitliche Abschnitte. Allerdings ist das noch keine tatsächliche Dramaturgie.

Dramaturgie im Storytelling liegt erst dann vor, wenn der Handlungsstrang geinem bestimmten Muster des Spannungsaufbaues folgt, beispielsweise der traditionellen Aktsystematik oder dem Ablauf einer Abwandlung davon, der sogenannten Heldenreise. Diesen beiden hauptsächlichen Dramaturgiekonzepten folgen die meisten professionell erzählten Storys, die wir heute kennen – sei es ein Roman, ein Kinofilm, eine TV-Serie, ein Werbespot, ein Podcast oder auch nur die abendliche Erzählung beim Bier mit einem guten Freund.

Die Aktdramaturgie im Storytelling

In Kürze zusammengefasst lässt sich sagen: Die traditionelle Aktdramaturgie ist viele Jahrhunderte alt und ein Auf und Ab der Ereignisse und vor allem der Spannungskurve. Dieses Schema erzeugt beim Zuhörer, Leser oder Zuschauer einen ständigen Wechsel der An- und Entspannung und kann aus mehreren Krisen bestehenden, denen der Protagonist nacheinander ausgesetzt ist und die er bewältigt, bis es schließlich zum positiven Ende (Komödie) oder dem negativen Ausgang (Tragödie) kommt. Bis dahin kann es die Hauptperson nicht nur mit mehreren Problemen, sondern auch mit mehreren Antagonisten zu tun haben. Die Handlung steht im Vordergrund, nicht der Held.

Tatsächlich bestimmen vor allem die Anzahl der Krisen und Gegner die Länge des Dramas und im Grunde ist die Aktdramaturgie nichts anderes als eine Wellenbewegung aus Siegen und Rückschlägen. Dramaturgie lässt sich daher auch grafisch als Kurvenzeichnung beschreiben, an der entlang sich die Handlung entspannt. Geübte Autoren, Regisseure und Dramaturgen schaffen es übrigens, eine fesselnde Dramaturgie aufzubauen und zugleich bewusst von chronologischen Abläufen im Erzählstrang abzuweichen, mehrere Handlungen nebeneinander zu erzählen oder mehr als einen Protagonisten durch die Geschichte zu führen.

Das klassische Aktdrama ist für das Publikum sehr gut verständlich und bietet die Möglichkeit, sowohl inhaltlich schwere Kost als auch seichte Unterhaltung zu liefern. Nicht nur viele Kriminalromane, in denen die Handlung weit vor der Persönlichkeit der Charaktere im Vordergrund steht, bedienen sich dieses Schemas, sondern auch die klassische Werbung. Sie bietet auf einfacher erzählerischer Ebene Lösungen für ein Problem an – genau das, was das Publikum häufig mit einem Produkt verbinden soll.

Die Dramaturgie der Heldenreise

Die Heldenreise unterscheidet sich unter anderem dadurch von dem klassischen Aktaufbau, dass bei ihr der innere Zustand der Hauptfigur eine entscheidende Rolle in der Story spielt. In der Regel ist der Held ein problematischer Charakter, der nur widerwillig und meist durch äußere Ereignisse getrieben eine gefährliche Reise antritt, die stets mit einer inneren Reise seines Geistes einhergeht. Der Weg des Helden ist von Schicksalsschlägen und mehreren Kämpfen gezeichnet, seine Figur entwickelt sich erst im Verlauf der epischen Handlung zu voller Größe. Sie gewinnt bei jedem Sieg ebenso wie bei jedem Rückschlag an Kontur. Bei der Heldenreise ist die Identifikation des Publikums mit dem Leidenden und letztlich zumeist siegenden Protagonisten besonders groß. Die Heldenreise ist je nach dramaturgischem Konzept in zwölf bis siebzehn Etappen unterteilt, in denen regelmäßig bestimmte Ereignisse auftreten müssen, damit sie dramaturgisch funktioniert. So ist die Weigerung des Helden am Anfang, die Reise überhaupt anzutreten, ebenso notwendiges Element der Dramaturgie wie das Auftreten von Prüfungen und schweren Entscheidungen und der Reife zu einer neuen Persönlichkeit.

Die Heldenreise wird nicht nur im komplexen Epos wie Star Wars angewandt, sondern lässt sich auch in der Werbung und im Content Marketing gezielt einsetzen, um dem Publikum eine tiefe Botschaft zu vermitteln und etwa ein Produkt oder eine Marke mit der Chance auf persönliche Entwicklung zu verbinden. Das Branchenmagazin W&V hat sieben Beispiele für erfolgreiche Geschichten in der Werbung zusammengefasst – vom Drama über die Erzählung bis hin zum provokanten Spot bedienen sich die verschiedenen Formen des Storytellings einer klaren Dramaturgie. Auch hier wird deutlich: Die Dramaturgie im Storytelling ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor für Werbung und Content Marketing.

Bild mit freundlicher Genehmigung von artyme83/shutterstock.com
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